Ist der Ruf erst ruiniert

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Auch Sprache ist nicht für die Ewigkeit gemacht, ihre Worte und Regeln kommen und gehen. Einen Text aus dem Hochmittelalter verstehen wir kaum noch, und selbst Luther, keine 500 Jahre tot, würden wir über den Mund fahren: Die zu seiner Zeit übliche doppelte Verneinung etwa --"Nu wachse auff dyr hynfurt nymmer mehr keyn frucht" – gilt uns heute als Logikfehler, und wo er zum Beispiel von "Flecken" sprach, sagen wir "Dorf".

Ein anderes Wort, dessen Bedeutung langsam verblasst, ist "Allmende". Es bezeichnet ein Gemeingut, früher war damit vor allem Gemeindeland gemeint, eine Wiese, die von allen genutzt werden konnte oder ein Stück Wald, in dem jeder Dorfbewohner Holz sammeln durfte. Im Englischen ist das Wort noch lebendiger: Commons, das findet sich beispielsweise im Namen der "Creative Commons" eines freien, nicht kommerziellen Lizenzpakets. In dem lebt nicht nur die Bezeichnung weiter, sondern auch die Idee vom Teilen, von Fairness, von Kooperation. Entsprechende Kampagnen erfahren als Gegenbewegung zu einer zerstörerischen Wirtschaftsweise momentan sogar auf vielen Gebieten eine Renaissance. Die Open-Source-Bewegung kann man als Teil dieser übergreifenden Initiativen verstehen.

Allerdings teilt nicht jeder diese Anschauungen. Eine Firma, die den Begriff Commons völlig aus ihrem Wortschatz gestrichen zu haben scheint, ist Oracle. Das zumindest lässt der jüngste Coup vermuten: Da entfernte man Tests auf bereinigte Fehler, die von Anfang an zum MySQL-Quellcode gehörten und die sicherstellten, dass sich ein einmal ausgemerzter Fehler nicht wieder einschleichen konnte, aus den zugänglichen Sourcen. So wird die Allgemeinheit ausgesperrt, Know-how monopolisiert.

Das könnte man vielleicht als bedauerliche Fehlleistung verbuchen, wäre es nicht Strategie. Oracle, durch den Kauf von Sun zu einigen bedeutenden Open-Source-Projekten gelangt, ist dabei, alle an die Wand zu fahren. Erst verweigert die Firma die Kommunikation mit den Open-Solaris-Entwicklern, dann zwingt sie die Open-Office-Gemeinde in einen Fork, indem sie die Bürosuite demonstrativ ignoriert, jetzt sabotiert sie die MySQL-Community.

Doch diese Politik hat ihren Preis. Im Frühjahr 2010 verabschiedete sich der ehemalige Chief Open Source Officer Simon Phipps von Oracle. Bereits zuvor war der Maintainer des Linux Block Layer Jens Axboe gegangen. Im April 2010 ist der Java-Urvater James Gosling der Nächste, der Oracle den Rücken kehrt. Danach kündigen der DTrace-Erfinder Bryan Cantrill und der MySQL-Manager Kaj Arnö. Im Herbst verlässt der ZFS-Architekt Jeff Bonwick die Firma, dem bald darauf Oracle's VP für Open Storage, Mike Shapiro, folgt. In diesem Sommer hielt es schließlich auch der Btrfs-Chefentwickler Chris Mason nicht länger aus. Eine Abstimmung mit den Füßen.

Kann Oracle jetzt ungeniert leben? Das wird sich zeigen …

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