Kommentar: LiMux – es stinkt

14.02.2017

Seit Jahren arbeitet Microsoft daran, das Münchner LiMux-Projekt zu destruieren. Nun scheint die Rechnung aufzugehen.

Wenn morgen der Münchner Stadtrat über die Entwicklung eines neuen Windows-basierten Client-Systems für die Stadtverwaltung abstimmt, ist das LiMux-Projekt Geschichte. Gute zehn Jahre war es ein Leuchtturm-Projekt, das beweisen sollte, dass es möglich ist, einen großen Verwaltungsapparat ausschließlich mit freier Software zu betreiben.

Das Ende wurde mit der Wahl der beiden Bürgermeister Dieter Reiter (SPD) und Josef Schmid (CSU) eingeläutet, die aufgrund des knappen Wahlausgangs eine Doppelspitze der Stadt München bilden. Nur wenige Monate im Amt, äußerte sich Reiter in einem Interview negativ zu Linux und wunderte sich laut darüber, dass die Stadt seinerzeit die Migration auf das offene Betriebssystem beschlossen hatte – eine Entscheidung, die sein Vorgänger und Parteikollege Christian Ude während seiner ganzen Amtszeit unterstützt hatte. Im diesem Interview mit dem Behördenmagazin Stadtbild wurde Reiter als "Microsoft-Fan" vorgestellt. Dann verkündete Microsoft, seine Deutschland-Zentrale aus Unterschleißheim in den Norden Münchens zu verlegen. Ein "Glücksfall" für OB Reiter, der laut "Zeit" in seiner Zeit als Wirtschaftsreferent "hinter den Kulissen an dem Deal mitgewirkt habe".

Auch sein Amtskollege Schmid ließ es sich nicht nehmen, öffentlich seine Meinung zu Linux zum besten zu geben, als etwa für die Kommunikation seines Smartphones neue Infrastruktur (aber nicht, wie fälschlicherweise berichtet, ein Mailserver) eingerichtet werden musste. Tatsächlich war dies aber gar nicht der Technologie selbst, also Linux oder gar LiMux geschuldet, sondern einfach dem Umstand, dass es für die Nutzung von Apple-Smartphones keinen eingeführten Prozess gab und auch keinen entsprechenden Beschluss Stadtrats, so Karl-Heinz Schneider, Chef des städtischen IT-Dienstleisters IT@M.

Immer wieder mussten sich die an dem Projekt beteiligten Politiker und Experten dagegen wehren, dass Reiter und Schmid öffentlich mit undifferenzierter Kritik und vagen Andeutungen über die Unzufriedenheit von Anwendern das LiMux-Projekt schlecht redeten. So bezeichnete etwa der frühere LiMux-Projektleiter Peter Hofmann die Kritik der Bürgermeister gegenüber heise online als "plakativ" und pauschal. Es gebe dabei "nichts Greifbares", so Hofmann. Der für IT-Fragen zuständige CSU-Stadtrat Otto Seidl hatte zu diesem Zeitpunkt nichts an LiMux zu beanstanden, ebenso wie Bettina Messinger, die Sprecherin der SPD-Fraktion im Stadtrat. Sie räumte ein, dass es zwar Kritik von Anwendern gebe, sich diese aber wie bei jeder Installation dieser Größenordnung in einem normalen Rahmen bewegte. Bekanntermaßen seien Anwender auch mit Windows nicht immer rundherum zufrieden.

Währenddessen hatte Microsoft schon einmal eine "Studie" bei HP in Auftrag gegeben, die belegen sollte, dass das LiMux-Projekt insgesamt 60 Millionen Euro gekostet habe, während eine Microsoft-Lösung nur mit 17 Millionen zu Buche geschlagen hätte. Dem gegenüber stehen die Aussagen des Stadtverwaltung, die für LiMux Kosten von 23 Millionen Euro nennt und eine Lösung mit Windows und Microsoft Office auf 34 Millionen Euro beziffert – alleine die Einsparung an Lizenzkosten belaufen sich laut Stadtrat auf elf Millionen Euro. Eine detaillierte Auseinandersetzung mit der HP-Studie ist nicht möglich, da Microsoft sie nur für den "internen Gebrauch" angefertigt haben will – natürlich nicht ohne deren angebliche Quintessenz zu veröffentlichen.

Anfang 2016 wurden schließlich die Ergebnisse einer neuen Studie veröffentlicht, die OB Reiter bei der Beratungsfirma Accenture in Auftrag gegeben hatte, einem Geschäftspartner von Microsoft. Der Studie zufolge sind knapp die Hälfte der städtischen Anwender unzufrieden mit der IT-Ausstattung. Die Kritik gilt allerdings weniger LiMux als vielmehr der veralteten Hardware und komplizierten Abläufen. Florian Roth, Chef der Grünen im Stadtrat, sah mit der Studie gar die grundlegende Kritik an LiMux als entkräftet an. Das Hauptproblem sei laut der Studie vielmehr, dass eine dringend nötige Verwaltungsreform der für die Münchner IT zuständigen Stellen versäumt wurde (die "drei Häuser" der Stadt-IT).

Bei genauerer Lektüre der Studie wird jedoch klar, dass LiMux darin ein Auslaufmodell ist. So konstatiert sie zunächst einen hohen Verwaltungsaufand durch die Vielzahl der verwendeten Betriebssysteme – offensichtlich gibt es nämlich noch eine Vielzahl von Windows-Rechnern ("Windows 2000, Windows XP, Windows 7") in der Stadtverwaltung, die die Anforderungen sogar schlechter erfüllen als die LiMux-Rechner. Doch statt nun weiter auf die Vereinheitlichung in Richtung LiMux hinzuwirken, rät die Studie einen neuen Windows-Client zu entwickeln, der parallel zum LiMux-Client betrieben werden soll. "Die Bereitstellung eines stabilen Windows Clients wird sich positiv auf die Zufriedenheitsbefragungen der Mitarbeitenden der LHM auswirken."

Schließlich solle, "nachdem der Windows Client eine ausreichende Verbreitung gefunden hat", geprüft werden, "ob der Aufwand für zwei verschiedene Clientbetriebssysteme inklusive der zugehörigen Infrastruktur dem zu dem Zeitpunkt vorhandenen Nutzen entspricht und welche strategische alternativen Arbeitsplatzlösungen (technologische Entwicklungen, Cloud Angebote, verstärkte Nutzung von mobilen Endgeräten) für die LHM sinnvoll sind." Die Migration in die Azure-Cloud ist dann vermutlich der nächste Schritt, den Accenture vorsieht und der auch der strategischen Ausrichtung von Microsoft entspricht.

Wie berichtet, haben die Fraktionen von SPD und CSU einen entsprechenden Antrag in den Stadtrat eingebracht, die neben der Verwaltungsreform auch ein Konzept dafür fordert, wie mit einem "neu zu entwickelnden Windows-Basis-Client[s] bis spätestens zum 31.12.2020 eine stadtweit einheitliche Client-Architektur geschaffen werden kann." "Bei den Standardfunktionalitäten (Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Präsentationsprogramm, PDF-Reader, E-Mail-Client, Internetbrowser) sind dabei stadtweit einheitlich marktübliche Standardprodukte einzusetzen." Nur für eine "Übergangszeit" sei es den Referaten freigestellt, eine "gemischte Client-Architektur (Windows/LiMux)" zu betreiben.

Unterzeichnet ist der Antrag von den Mitgliedern des Verwaltungs und Personalausschusses: Anne Hübner, Bettina Messinger, Haimo Liebich, Hans-Dieter Kaplan, Christian Vorländer (alle SPD), Kristina Frank, Otto Seidl, Sabine Pfeiler, Heike Kainz, Evelyne Menges (alle CSU). Was etwa Messinger und Seidl, die sich bisher positiv zu LiMux geäußert haben (siehe oben), dazu bewogen hat, sich nun für die Entwicklung eines Windows-Clients auszusprechen, ist unklar. Vorsitzender dieses wie auch des IT-Ausschusses sowie der IT-Kommission ist OB Reiter.

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