Linux ist nicht der viel gefeierte Innovationsmotor

Besser gut kopiert

Linux wird von seinen Fans gerne als innovatives System gepriesen, das anderen um Längen voraus ist. Technisch ist es aber weniger innovativ als andere Systeme. Seine wahren Leistungen liegen eher im ökonomischen und politischen Feld.
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In der Werbung wird gerne die Frage gestellt: Wer hat's erfunden? In den Augen vieler Linux-Fans lautet die Antwort darauf aber nicht "die Schweizer", sondern "Linus Torvalds". Andere Fußballvereine, ähem, Software-Hersteller werden dagegen gerne des Diebstahls oder Plagiats bezichtigt, allen voran die Lieblingsfeinde Microsoft und Apple.

Tatsächlich ist die Innovationsleistung von Linux geringer, als viele denken. Schon bei seiner Erfindung gab es technisch nicht viel Bahnbrechendes zu verzeichnen. Linus Torvalds schrieb einen Task-Switcher für den 386-Prozessor und darauf basierend ein rudimentäres Betriebssystem, das er am 5. Oktober 1991 in der Newsgroup comp.os.minix veröffentlichte. Es war jedoch nicht nach einem eigenen innovativen Konzept entworfen, sondern dem Unix-Vorbild nachempfunden, das zu diesem Zeitpunkt schon 20 Jahre auf dem Buckel hatte. Verschiedene Unix-Varianten wurden damals von Firmen wie Sun, SGI, Digital Equipment, HP und IBM mit ihren Workstations und Servern ausgeliefert.

Selbst Unix auf dem PC war damals nichts Neues. Ironischerweise wurde ein PC-Unix mit dem Namen Xenix seinerzeit von Microsoft verkauft. Konsequenterweise begegnete der Informatik-Professor Andrew Tanenbaum schon der ersten Linux-Veröffentlichung mit dem berühmten Diktum "Linux is obsolete" (Linux ist veraltet). Er selbst arbeitet zu dieser Zeit an einem eigenen Unix-artigen Betriebssystem namens Minix, das aber einen Microkernel verwendete und durch die Verwendung weniger privilegierter Subsysteme zu größerer Stabilität führen sollte.

Windows New Technology

Auch das viel geschmähte Windows NT, das 1993 erschien, hatte in puncto Innovation einiges zu bieten – auch wenn sich dies nicht unbedingt in hoher Stabilität niederschlug. Nachdem die gemeinsame Entwicklung von OS/2 zusammen mit IBM in die Sackgasse führte, schlug Microsoft einen neuen Weg ein und begann von Grund auf ein neues System zu entwickeln, angeführt von Dave Cutler, dem Architekten des berühmten VMS-Betriebssystems. Eine Abstraktionsschicht namens HAL (Hardware Abstraction Layer) sollte das Betriebssystem einfach für verschiedene Prozessorarchitekturen verfügbar machen.

Auch Windows NT war von der Microkernel-Architektur beeinflusst, verlinkte allerdings am Ende die einzelnen Komponten zu einem statischen Block. Schließlich bescherten die Entwickler dem neuen OS noch ein modernes Dateisystem namens NTFS, das Access Control Lists und Journalling implementierte – zwei Features, auf die Linux-Anwender noch lange warten mussten. Selbst in der einschlägigen Literatur, etwa im Buch des Informatikprofessors William Stallings, gilt Windows NT als Beispiel für zeitgemäßes Design von Betriebssystemen.

Der Konkurrent Apple schlug später einen ähnlichen Weg ein und verschmolz den Mach-Microkernel mit BSD-Unix und Nextstep und konnte endlich ein modernes Betriebssystem vorlegen, um das alte System 7 abzulösen. Ein Grund für den Neid vieler Linux-Anwender auf OS X dürfte darin zu finden sein, dass Apple mit seinem System den Einzug von Unix auf dem Desktop geschafft hat, während Linux mit seinen diversen Desktop-Systemen bis heute darauf wartet.

Genauso warten viele Linux-Anwender heute sehnsüchtig auf ein Dateisystem namens Btrfs, das moderne Features wie Snapshots und Rollbacks beherrscht. Doch auch diese Fähigkeiten haben sich die Btrfs-Entwickler nicht selbst ausgedacht: Solaris-Anwender können sich daran schon länger erfreuen, denn mit ZFS hat Sun "das letzte Wort" in Sachen Dateisystem bereits gesprochen, wie es die Firma selbst ausdrückt. ZFS beherrscht nicht nur Snapshots, sondern erlaubt es sogar, ohne zusätzliche Schicht RAID-Systeme zu betreiben.

Freiheit statt Innovation

Seit immer mehr Firmen Linux als strategische Plattform sehen und zur Entwicklung beitragen, gibt es auch mehr technische Innovationen. So beschäftigen etwa Prozessorhersteller selbst Linux-Entwickler, die den entsprechenden Support-Code für neue Features in den Kernel integrieren. Die vorrangige Leistung von Linux besteht bisher aber weniger in technischer Innovation als darin, ein freies Betriebssystem geschaffen zu haben, das dank der GNU-Lizenz allen Interessierten zur Verfügung steht. Es bleibt zu hoffen, dass Software-Patente diese Zukunft nicht vereiteln.

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Ausgabe /2018