Der Preis des Privaten

Der ADMIN 05/13 wirft einen Blick auf die frei verfügbaren Cloud-Frameworks von Eucalyptus über OpenNebula bis OpenStack. Gute Aussichten für skalierbare ... (mehr)

 

Seit der Antike kennt die Mathematik Mittelwerte. Immer dienten sie der Vereinfachung. Wo die Rechen- und Speicherkapazitäten nicht ausreichten, um eine große Zahl an Beobachtungen individuell zu betrachten, da verwendete man stellvertretend den Mittelwert. Das Ergebnis war damit im Einzelfall nicht exakt – diesen Preis musste man zahlen – doch der Durchschnitt ist der Wahrheit nahe.

Nun ist es wie immer: Man tut, was man kann. Und heute kann man eben Exabyte-weise Daten speichern, mit Trillionen Operationen pro Sekunde berechnen und rund um den Globus in Echtzeit verknüpfen. Das macht den Mittelwert überflüssig. Computer erkennen heute in einem unvorstellbaren Datenmeer Unterschiede und Gemeinsamkeiten mit der Granularität eines Tropfens. Von der NSA können, aber brauchen wir dabei noch nicht einmal reden. Allein der amerikanische Werbevermarkter bluekai etwa pflegt Profile von 150 Millionen Amerikanern, die nach bis zu 30 000 verschiedenen Kriterien sortiert sind.

Heute erkennt man den gut verdienenden männlichen Akademiker zwischen 30 und 40 zuverlässig aus der Millionenmasse, der sich für einen Whiskykenner hält, gebrauchte Sportwagen fährt und auf dem Balkon Tomaten züchtet. Seine Hotelbuchung macht man automatisch 10 Prozent teurer – wie bei allen, die mit Apple-Notebooks surfen.

Muss wohl auf Dienstreise sein, sagt der Algorithmus, der die Daten aus dem Smart Grid liest, sonst ging Freitag Abend immer die Waschmaschine an. Aber die Mails werden aus Bremen abgerufen, also ist er nicht weit.

Amazon weiß, dass er im Urlaub Schweden-Krimis auf seinem Kindle liest, die Postanschrift deutet auf Eigentumswohnung. Neulich hat er Thai-Curry bestellt. Wohl Hobbykoch. Ein Fall für die WMF-Werbung mit den teuren Damaszener-Messern.

Alles hat seinen Preis: Der Mittelwert und sein Gegenstück, der gläserne Mensch, die Hyper-Individualisierung. Die bedeutet das "Ende der Privatheit" (Mark Zuckerberg). Dafür opfern wir die informationelle Selbstbestimmung. Dafür begeben wir uns in die Gefahr, von der vorauseilenden Folgsamkeit des Durchleuchteten angesteckt zu werden. Oder vom Zynismus – angesichts der unabwendbaren Ver-Öffentlichung alles Privaten. Dafür liefern wir uns dem nie verblassenden Gedächtnis der Automaten aus. Dafür lassen wir uns mit unerbetenen Informationen überschütten. Dafür schwören wir ungewollt und ohne Not den Offenbarungseid.

Man kann nichts dagegen tun? Man könnte. Mails verschlüsseln zum Beispiel, beim Surfen immer Anonymisierer wie Tor nutzen, sozialen Netzen auch mal fernbleiben. Dann fände man, zumindest hier und da, wieder Deckung hinter dem Durchschnitt. Aber auch das hat seinen Preis: Es kostet Bequemlichkeit.

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