Zeitreise: Vorzeit des Internet

09.01.2013

So allgegenwärtig wie es heute ist, fällt es schwer, sich  eine Welt ohne Internet vorzustellen. Und doch hat es sie gegeben. Viele erinnern sich sogar noch daran, wie mit Akustikkopplern und 1200-Baud-Modems (postzugelassen) die DFÜ begann ...

Was ist das? Ein "... zur inhaltlichen Nutzung bestimmtes Informations- und Kommunikationssystem, bei dem Informationen und andere Dienste für alle Teilnehmer ... unter Benutzung von ... technischen Vermittlungseinrichtungen ... elektronisch zum Abruf gespeichert ... individuell abgerufen und typischerweise auf dem Bildschirm sichtbar gemacht werden". Eine juristisch verquaste Definition des Internet, könnte man meinen, doch das ist  falsch. Das war die Begriffsbestimmung von BTX aus dem entsprechenden Staatsvertrag, der vor 30 Jahren, am 18. März 1983 von den Ministerpräsidenten der Bundesländer unterzeichnet wurde. Damit fiel der offizielle Startschuss für einen Internetvorläufer, der zwar nie die prognostizierten Nutzerzahlen erreichte, aber ein Jahrzehnt lang dennoch ein Vorreiter elektronischer Kommunikation und Pionier des Online-Shoppings und -Bankings war.

Eigentlich wurde BTX bereits 1977 auf der IFA vorgestellt. Noch davor gab es ab Mitte der Siebzigerjahre unter dem Namen "Viewdata" in England erste Versuche, den Fernseher als "Datensichtgerät" einzusetzen. Öffentlich zugänglich wurde das hiesige BTX aber erst ab 1980 mit einem Feldversuch in Berlin und im Raum Düsseldorf, an dem etwa 5 000 private Testhaushalte und 1800 Anbietern teilnahmen. Drei Jahre später besiegelte dann der besagte Staatsvertrag das Übereinkommen der Länder. Der praktische Start verzögerte sich dann noch einmal bis ins Jahr 1984, weil IBM die Endgeräte nach dem neuen CEPT-Standard nicht fertig bekam. Postminister Schwarz-Schilling feierte 1983 dennoch  den "Beginn eines neuen Zeitalters mit neuen Medientechniken" - schließlich hatte die Post 700 Millionen Mark investiert.

Im Lauf der ersten drei Jahre wollte man die Millionen-Nutzer-Grenze überschreiten, schaffte aber nur magere 60 000. Zum Start waren weniger als 10 000 Anträge auf einen BTX-Anschluss eingegangen. Das lag vor allem an den relativ hohen Nutzungsentgelten: Vor 30 Jahren musste man eine einmalige Anschlussgebühr von 55 DM plus eine monatliche Grundgebühr von 8 DM berappen. Für einzelne Seiten konnte der jeweilige Anbieter darüber hinaus  eine seiten- oder zeitabhängige Vergütung von bis zu 10 DM verlangen. Zudem hatte die Post das Monopol auf die Hardware, die speziell von ihr zugelassenen sein musste, und für teures Geld verkauft wurde. Am Anfang brauchte man spezielle Terminals (ab 2 000 DM), später nur noch ein Modem, einen BTX-Dekoder und den Fernseher als Monitor, mit der Fernbedienung als Eingabegerät.

Etwas anders sah die Rechnung für kommerzielle Anwender aus, die sich in so genannten geschlossenen Benutzergruppen zusammenfinden und dann untereinander Daten austauschen konnten. Billig war aber auch das nicht: Für einen Großhändler, der 100 Handelsvertreter vernetzen wollte, rechnete 1983 die Computerwoche vor, hätte das monatliche Gebühren von etwa 100 DM pro Vertreter und über 1000 DM in der Zentrale bedeutet. Das mochte immerhin von Fall zu Fall günstiger sein als andere Alternativen der damals so genannten Datenfernübertragung (DFÜ). Wäre jedoch die Anzahl der Transaktionen so angestiegen, das ein eigener Rechner am BTX-Netz nötig geworden wäre, dann hätte die dafür nötige Hard- und Software mindestens eine halbe Million verschlungen.

Für Privatanwender wurden allerlei Dienste offeriert, die dem heutigen Videotext ähnelten,  beispielsweise von Reiseveranstaltern, Versandhäusern, Airlines, Wetterdiensten, der Bahn oder auch dem Arbeitsamt. Hier wurden  ebenfalls vielfältige Gebühren erhoben, nicht nur für den Seitenabruf, sondern auf Anbieterseite etwa auch für die Aufnahme in BTX-Stichwortverzeichnisse oder Verteilerlisten, etc. Da es kein BTX-Google gab, war der Anbieter allerdings zwingend darauf angewiesen, in den Inhaltsübersichten geführt zu werden.

Im Unterschied zum Internet war BTX ein hierarchisch organisierter, zentralisierter Dienst: mehr als 95 Prozent der Seitenabfragen bedienten die örtlichen Vermittlungsstellen, über denen ein zentraler Server in der Btx-Leitzentrale Ulm thronte. Daneben konnten externe Rechner an die Vermittlungsstellen angebunden werden, die dynamisch Seiten erzeugten. Ein solcher Dialogbetrieb war nämlich mit dem Postrechner alleine nicht möglich. Genutzt wurde das etwa für Online-Banking - schon 1984 gab es deutschlandweit an die 20 000 über BTX geführte Konten. Wegen der hohen Kosten betrieben aber nur wenige Großanbieter (z.B. die Versandriesen Quelle und Neckermann) solche externen Rechner. In jedem Fall - und das ist ein weiterer Unterschied zum Internet - waren Anbieter und Nutzer strikt getrennt.

BTX mündete schließlich 1993 in Datex-J mit einer immerhin auf 2400 Baud verdoppelten Bandbreite. Die Post wollte damit den Netzzugang von Dienstleistungsangeboten trennen. Die Zahl der Benutzer, die bis 1993 erst auf 300 000 gestiegen war, konnte so immerhin im Lauf eines Jahres auf die Hälfte der einmal kalkulierten Nutzerzahlen gesteigert werden: 500 000. Gleichzeitig ging jedoch die Zahl der Anbieter von 3000 auf 2600 zurück. Das BTX-System verarbeitete damals mehr als zehn Millionen Anfragen pro Monat.

Zur selben Zeit, Anfang der Neunzigerjahre, erwuchs BTX allerdings auch neue Konkurrenz durch privat organisierte, dezentrale Mailboxen, die via Modem und Telefon erreicht werden konnten, sich untereinander vernetzten und ebenfalls Dienste wie E-Mail, Chat oder thematische Foren boten (Bulletin Board System, BBS). Als weiterer Mitbewerber konkurriertren die Einwahlknoten von Compuserve (später AOL) um die Gunst der Nutzer, die mit kostenlosen CDs mit der nötigen Zugangssoftware den Markt fluteten. Und schließlich wurde zur selben Zeit auch HTML erfunden und der erste Webbrowser programmiert - das Internet setzte seinen Fuß in die Tür und verdrängte in den Folgejahren die Mitbewerber.

Aus Datex-J wurde 1995 schließlich T-Online, das mit der Zeit zum heutigen Internet-Provider und Web-Portal mutierte. Eine abgespeckte BTX-Version, speziell für Online-Banking, gab es noch bis 2007.

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