Eine Streitschrift wider das Verblöden durch Information

Drei Irrtümer bezüglich Vogelsang

Twittern auf dem Smartphone ist ein alter Hut, jetzt soll es auch die Armbanduhr lernen. Der Hersteller Fossil entwickelte zusammen mit dem Chipkonzern Texas Instruments eine "Metawatch" [1], die Mails oder Tweets anzeigen kann. Ist das der Weg ins Info-Paradies oder der Information Overkill?
Was das Backup wert war, erweist sich, sobald man es versucht ganz oder teilweise wiederherzustellen. Spätestens dann macht sich die Wahl des richtigen Tools ... (mehr)

Endlich, endlich, jubelt Fossil in einer Pressemeldung, mache es sein "wearable development system" möglich, zu jeder Zeit, überall und ohne lästige Zwischenschritte wichtige Informationen zu lesen. Erleben wir also mit der zwitschernden Uhr, die es in den USA ab diesem Sommer für rund 200 Dollar geben soll, tatsächlich eine "wrist revolution" (O-Ton Fossil) – oder eher die schrille Kapriole einer überspitzten Infomanie? Wer das beurteilen will, muss zunächst mit ein paar Irrtümern aufräumen.

Irrtum I: Alle twittern

Alle twittern und was alle tun, das kann nicht falsch sein. Stimmt das? Nach einer Untersuchung des Pew Research Center's Internet & American Life Project [2] twittern rund sechs Prozent aller erwachsenen Amerikaner. Das sind zwar ein paar Millionen – aber dennoch sind sie kaum mehr als eine verschwindende Minderheit.

In Deutschland ist das Verhältnis noch eindeutiger: Im März 2011 haben 480 000 Accounts aktiv auf Deutsch getwittert, melden die Webevangelisten [3]. Dem stehen laut Statistischem Bundesamt 29 Millionen deutsche Haushalte (2009) mit einem Internetzugang gegenüber [4]. Das heißt, in weniger als zwei Prozent der Haushalte lebte im Durchschnitt ein Twitterer. In Wirklichkeit ist der Anteil noch viel geringer, denn auch Österreicher und Schweizer schrieben deutsche Tweets.

Der Anschein einer Mehrheit ist also reine Mimikry. Das hat gravierende Folgen, beispielsweise mit Blick auf die Funktion von Twitter als vermeintlichem Trendbarometer. Gemessen an der Grundgesamtheit aller mündigen Bürger fehlt es der Twitterer-Randgruppe offenkundig an statistischer Relevanz. In Amerika etwa twittern der Untersuchung zufolge vor allem junge erwachsene Angehörige von Minderheiten wie Farbige oder Hispanics, die einen mittleren Bildungsabschluss haben und in Städten leben. Schon unter Weißen oder Hochschulabsolventen fällt die Rate um rund die Hälfte und landet im unteren einstelligen Prozentbereich. Mit anderen Worten: Wer twittert, ist Außenseiter, nicht etwa umgekehrt.

Dazu kommt: Von der Minderheit der Twitter-Nutzer zwitschert wiederum nur ein lächerlicher Bruchteil regelmäßig. Mehr als die Hälfte des Contents bei Twitter stammt von gerade einmal 20 000 Nutzern, das sind kleinste Prozentbruchteile der Gemeinde, wie Yahoo Research ermittelt hat [5].

Nichtsdestotrotz wird unaufhörlich suggeriert, niemand könne sich bei Strafe eines kommunikativen Supergaus dem atemlosen Gepiepse entziehen, und zwar nicht nur im Privaten, sondern auch im Geschäftsleben. "Twittern für Manager", "Corporate Twitter", "Tweetonomics" – das sind tatsächlich ernst gemeinte Titel momentan erhältlicher Bücher. Meist ohne weitere Belege wird Twitter darin für unverzichtbar erklärt und jeder stigmatisiert, der dem Mitmachzwang kritisch begegnet. Man muss aber nur einen Schritt zurücktreten und sieht sofort: Der Kaiser hat ja gar nichts an!

Irrtum II: Twitter überholt klassische Medien

Zuweilen wird behauptet, Twitter sei viel schneller als Radio oder Fernsehen, von Zeitungen gar nicht zu reden. Man könnte es kurz machen: Tweets sind Äpfel und Nachrichten Birnen. Unbestätigt und ohne attestierte Glaubwürdigkeit das eine, verifiziert und meist durch einen renommierten Namen verbürgt das andere. Jeder kann alles twittern, noch dazu mehr oder weniger anonym – das Ergebnis ist deshalb kaum verlässlicher als ein Gerücht. Was eine Redaktion oder Nachrichtenagentur verlautbart, sind dagegen in der Regel überprüfte und glaubwürdige Fakten.

Jede Kontrolle kostet Zeit, und so liegt es in der Natur der Sache, dass die verifizierte Nachricht stets etwas später erscheinen muss als die erste spontane Meldung eines vermeintlichen oder tatsächlichen Augenzeugen. Doch damit ist noch nicht gesagt, dass der kleine zeitliche Vorsprung auch einen praktischen Vorteil ergibt.

Sohaib Athar wird berühmt, weil er über einen Hubschrauber über Abbottabad twittert ("Ein Hubschrauber schwebt um ein Uhr nachts über Abbottabad (ist ein seltenes Ereignis)"), von dem sich im Nachhinein herausstellt, dass er die US-Soldaten brachte, die Bin Laden erschossen ("Uh oh, jetzt bin ich der Typ, der den Angriff gegen Osama live gebloggt hat") [6]. Das ist übrigens ein beliebter Trick: Wenn sich später doch noch eine Bedeutung findet, wird sie nachgeliefert und dann so gefeiert, als sei sie von vornherein intendiert gewesen.

"Da ist ein Flugzeug im Hudson River. Bin auf der Fähre, die versucht, die Leute aufzusammeln. Verrückt." Das twitterte Janis Krums, die zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort war, und dieser Tweet gilt als Sternstunde des Microblogging und Ausweis seiner Überlegenheit. Allerdings: Wie viele Menschen werden wohl zufällig sofort auf diese Meldung gestoßen sein? (Die Hälfte der Twitterer hat weniger als fünf Follower.) Und was konkret hat es ihnen gebracht, dass sie von der Notwasserung eine halbe Stunde früher als ein Radiohörer wussten?

Von Janis haben wir nichts weiter erfahren. Keine Schilderung der Rettungsaktion, kein Interview mit dem Piloten oder mit Überlebenden, keine Hintergründe zur Flugsicherheit, nichts über die Ursachen der Beinahe-Katastrophe. Das alles leisteten stattdessen klassische Medien.

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Kommentare

Killfile

Wieso Twitter anders behandeln als andere Informationsquellen. Auch hier gilt, ähnlich wie bei NNTP-News, webbasierten Newsboards oder anderen Informationsquellen im Internet, ein guter Filter, der den wichtigen vom unwichten Content trennt, ist viel wert. 

Das Argument, dass Twitter basierte News weniger verlässlich sind als News aus gestandenen Redaktionen halte ich für falsch, schliesslich bieten auch diese Redaktionen Nachrichten via Twitter an - wie auch das Admin-Magazin selbst. Dass diese sich schneller verbreiten als über den klassischen Weg (Papier, Web, Radio oder TV) ist doch selbstverständlich.

Rassentrennung?

Es ist nun mal leider Fakt, dass die beschriebenen Gruppen in den US von A als Minderheiten gelten, da kann das ADMIN-Mag nichts zu.

Outsch - Rassentrennung mal anders

Zitat:

... junge erwachsene Angehörige von Minderheiten wie Farbige oder Hispanics, die einen mittleren Bildungsabschluss haben und in Städten leben. Schon unter Weißen oder Hochschulabsolventen fällt die Rate um rund die Hälfte und landet im unteren einstelligen Prozentbereich. Mit anderen Worten: Wer twittert, ist Außenseiter, nicht etwa umgekehrt...

 

Diese drei Sätze waren wirklich ungünstig gewählt. Das geht besser!

Aber unabhängig davon, kann ich dem Fazit kann nur zustimmen - Ob nun Twitter, Facebook-Statusnachrichten oder, oder, oder ...

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