Wo die Innovation in Linux steckt, und warum es manchmal ohne geht

Alles neu oder nachgemacht?

Hat Linux oder Open Source im Allgemeinen – sagen wir es durch die Blume – eher ein nachschaffendes Talent? Kupfert es lediglich ab, und ist seine Innovationskraft nur ein Mythos, wie die Gegenposition in dieser Kolumne diesmal behauptet? Ich glaube das nicht. Aus sechs guten Gründen.
NAS-Speicher mit einer Kapazität von einigen Dutzend Terabyte, wie sie sich für mittelständische Anwender eignen, nimmt die ADMIN-Redaktion in der Ausgabe ... (mehr)

Schnell läuft man auf der Suche nach den Linux-Innovationen Gefahr, den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen. Ehe man nämlich nach technischen Details fahndet, gilt es zu erkennen, dass man eine der größten Innovationen bereits vor Augen hat: Linux als solches. Und das gleich in mehrfacher Hinsicht:

Erstens verkörpern Open Source und speziell auch Linux ein absolut innovatives Modell der Softwareentwicklung. Dass Hunderte Programmierer auf der ganzen Welt sich selbst organisieren, freiwillig, oft unentgeltlich und jahrzehntelang in Projekten mitarbeiten, die Millionen Zeilen Code produzieren – das gab und gibt es im proprietären Lager nie und wird es nicht geben. Das Modell war neu, und es hat sich praktisch durchgesetzt, mit anderen Worten: eine Innovation par exellence.

Zweitens: Linux ist in vielen Fällen die Grundlage neuer, innovativer Geschäftsmodelle. Die bieten kostenlose Software, die jeder ohne Einstiegshürde zunächst unter den eigenen Bedingungen testen kann, bevor er sich vielleicht entscheidet, einem Anbieter für Dienstleistungen, Support, Integration, Anpassungen, Erweiterungen oder daran gekoppelte Hardware zu bezahlen. Zuvor gab es nur das Lizenzgeschäft, das die Katze im Sack an den Mann bringen wollte. Demgegenüber hat sich ein vollkommen neuartiger Ansatz erfolgreich etabliert. Das ist, was man eine Innovation nennt.

Dagegen mag man einwenden: Das waren zweifellos Innovationen, aber mittlerweile ist Linux zwanzig. Schon recht – doch was ist in diesen zwanzig Jahren passiert?

Drittens: In diesen 20 Jahren ist Linux das Herzstück unzähliger innovativer Produkte geworden. Vom aktuellsten Android Smartphone bis zum Supercomputer, der in mehr als neun von zehn Fällen unter Linux läuft. Beide können fraglos innovativ sein, genauso wie eine Flut anderer Produkte, in denen Linux werkelt, vom Navigationssystem bis zur Kaffeemaschine, vom NAS-Speicher bis zum Industrieroboter.

Viertens: Daneben gab und gibt es technische Neuerungen, die auf das Konto von Linux gehen. Und zwar von Anfang an: Schon der Kernel 1.2 benutzte in Abhängigkeit von der Hardwareerkennung nachladbare Kernel-Module, mindestens ein halbes Jahr bevor Windows 95 mit seinem Plug'n'Play etwas Ähnliches versuchte. Oder die Linux-Paketverwaltungen – eine Art kostenloser AppStore, entwickelt lange bevor es Mobil-Applikationen gab. Und heute? Man schaue nach den Mega-IT-Trends – Cloud Computing etwa oder soziale Netze oder Big Data, – und man wird auf Linux stoßen.

Fünftens: Bei Software lässt sich die Innovationsstärke in gewisser Weise bereits am Alter ablesen: Weil sie im Unterschied zu anderen Waren bei Gebrauch nicht verschleißt, wäre ihr erster Käufer nämlich eigentlich zugleich der letzte – er hätte ausgesorgt – wenn ihr Hersteller die Kunden nicht immer wieder mit neuen Features, höherer Performance locken könnte. Linux zieht in diesem Spiel seit über zwei Jahrzehnten immer mehr Interessenten an. Ein Innovationsbeweis.

Sechstens: Aber selbstverständlich gibt es auch bei Linux nicht ausschließlich Innovationen – das zu erwarten wäre weltfremd und unklug. Wie in der Natur folgt auf jede Schlüsselinnovation eine längere Periode der Adaption. Das ist die risikoärmere Form der Evolution, die durch Fortentwicklung erst einmal den Spielraum ausnutzt, den Innovationen eröffnen. Dazu gehört auch die Übernahme fremder Innovationen, wo das legitim und effizient ist. So mag man dem Filesystem-Newcomer Btrfs den Innovationscharakter absprechen, weil es zuvor das ähnliche ZFS von Sun/Oracle gab. (Genauso könnte man sagen: Für das Linux-Universum ist das ohne Vorbild und deshalb innovativ.) Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass Btrfs eine notwendige und ausgesprochen segensreiche Entwicklung für Linux ist. Diese Chance auszuschlagen, um stattdessen in Nörgler-Pose nach etwas nie da gewesenen zu rufen, wäre einfach nicht schlau.

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Ausgabe /2019