Enterprise-Linux-Distributionen

© Wojciech Kaczkowski, 123RF

Kurs halten

Red Hat Enterprise Linux dient als Blaupause für Klone wie Oracle Linux oder CentOS. Suse geht dagegen seinen eigenen Weg. Wir durchforsten den Angebotsdschungel der Enterprise-Linuxe und beleuchten technische Unterschiede, Subskriptionsmodelle und Kosten.
Obwohl Linux als freie Software kostenlos verfügbar ist, setzen viele beim Unternehmenseinsatz auf Enterprise-Distributionen mit Support. Wo die Stärken der ... (mehr)

Wer Linux schon seit 1995 verwendet, wird sich vielleicht fragen, was das sein soll, eine Enterprise-Distribution. Der Name rührt daher, dass sich Enterprise-Betriebssysteme an den mutmaßlichen Anforderungen von Unternehmen orientieren. Das sind: Stabilität und möglichst lange Produktlebenszyklen, innerhalb derer Unternehmen in Abhängigkeit des Umfangs der erworbenen Subscription Unterstützung in Form von Programm-, System- und Sicherheits-Updates, sowie Fehlerkorrekturen erhalten. Zudem sind viele, ebenfalls "Enterprise-taugliche" Software-Pakete wie etwa Oracle-Datenbanken, nur für Enterprise-Linuxe zertifiziert.

Mit seinem Red Hat Enterprise Linux (RHEL, Abbildung 1) ist Red Hat heute Weltmarktführer in dieser Sparte. RHEL bietet standardmäßig sieben Jahre Unterstützung für das jeweils aktuelle Release, das sich ab RHEL 6 nach Bedarf auch auf 10 Jahre uneingeschränktem Support ausdehnen lässt. Die Konkurrenz zieht damit aber gleich: Der Support für Suses Enterprise Server (SLES) lässt sich auf Wunsch ebenfalls auf bis zu 10 Jahre ausdehnen.

Abbildung 1: Red Hat ist unter Herstellern von Linux-Enterprise-Distributionen am längsten im Geschäft.

Red Hat

Red Hat ist aus wirtschaftlicher Sicht heute das Vorzeigeunternehmen im Linux-Sektor und verbuchte im Geschäftsjahr 2011/2012 einen Gesamtumsatz von 1,13 Milliarden US-Dollar. Dass ein großer Anteil an Red Hats Einnahmen aus dem Subskriptions-Geschäft resultiert, zeigt, welchen Stellenwert Red Hat Enterprise Linux im eigenen Unternehmen genießt, trotz anderer Red-Hat-Produkte im Cloud-Sektor, dem Middleware-Bereich oder dem Storage-Segment.

Gelegentlich hilft Red Hat bei der Weiterentwicklung neuer Produkte und Technologien zuweilen auch mit der Akquisition von Unternehmen und Technologien nach, etwa bei der JBoss-Middleware oder im Bereich Virtualisierung. Zumal Red Hat Schlüsseltechnologien wie KVM oder Spice nach der Anpassung durch eigene Entwickler wieder als freie Software veröffentlicht. Darüber hinaus sind viele von Red Hat bezahlte Entwickler in anderen Open-Source-Projekten aktiv, neben dem Fedora-Projekt auch in der Linux-Kernel-Entwicklung, namentlich bei den KVM-Komponenten.

In diesem Zusammenhang ist bemerkenswert, dass sich Red Hat wiederholt in der Top-10-Unternehmensliste der Linux Foundation platziert hat, deren Entwickler die meisten Commits zum Linux-Kernel lieferten. So stammten im Jahr 2010 12,4 Prozent der Arbeiten am Linux-Kernel von Red-Hat-Entwicklern, Platz 2 hinter "unbekannten Beitragenden". Erst im April letzten Jahres ist Red Hat (in Deutschland auch Gründungsmitglied der Open Source Business Alliance) dem Open-Stack-Projekt beigetreten.

Red Hat stellt sämtliche Quellpakete seiner RHEL-Distributionen (Server, Desktop, Workstation) gemäß der GPL-Richtlinien im Quellcode frei zur Verfügung [1], allerdings keine Binärpakete und keine Installations-Images. Nach einmaligem Registrieren im "Red Hat Customer Portal" darf der Anwender aber eine 60-Tage-Testversion von RHEL herunterladen. Red Hat Enterprise Linux lässt sich ausschließlich in Form von Abonnement- und Support-Verträgen (Subscriptions) nutzen.

Auch als Desktop

Für den Desktop-Bereich offeriert Red Hat die Abonnement-Varianten Workstation und Desktop. Die Workstation-Version schlägt mit 179 US-Dollar in der sogenannten "Self-support-Subscription" und mit 299 US-Dollar pro Jahr in der Standard-Subscription zu Buche. Für die meisten Unternehmen dürfte eher die Server-Version von Interesse sein. Die beginnt für x86-(32/64)-Systeme bei 349 US-Dollar in der 2-Socket-Version inklusive Unterstützung für lediglich einen virtuellen Gast und endet bei der Premium-Subscription für 6498 US-Dollar im Jahr für 4-Socket-Systeme und eine unbegrenzte Anzahl virtueller Gäste. Eine Übersicht aller Varianten liefert die zugehörige Seite [2] im Red Hat Store. Die Subscriptions sind bei Red Hat übrigens nicht versionsspezifisch, sondern gelten stets gleichermaßen für alle aktuell gepflegten Varianten, derzeit RHEL 5 und RHEL 6.

Installiert der Admin unter RHEL Pakete aus auf RPM basierenden Fremdquellen, wie RPM Fusion oder RPM Forge, verliert er den Support-Anspruch. Das macht aber auch wenig Sinn bei einer Enterprise-Distribution, denn deren Wert liegt gerade in der auf den angebotenen Paketen basierenden Stabilität. Red Hat Enterprise Linux verwaltet sämtliche mit RHEL gelieferte Pakete, sowie Aktualisierungen in sogenannten "Channels" im "Red Hat Network" (RHN), dem weltweit verfügbaren Software-Repository von Red Hat Enterprise Linux.

Nur wer eine Subscription erwirbt, hat nach erstmaliger Registrierung Zugriff auf das RHN. Die einzelnen Channels unterscheiden sich je nach erworbener Subskription. Das gilt auch für die Installationsmedien. Wer eine Desktop-Subskription erwirbt, hat auch nur Zugriff auf den zugehörigen Channel. Außerdem ist es im Firmennetzwerk jederzeit möglich, einen eigenen Satellite-Server für RHN aufzusetzen und zu betreiben. Das Software-Management selbst basiert auf RPM-Raketen, mit Yum als Kommandozeilen-Frontend, das sich auch um das Auflösen von Abhängigkeiten kümmert.

Von lizenzrechtlich bedingten und gewollten Unterschieden der einzelnen RHEL-Versionen, die sich aus der Paketauswahl in den Channels ergeben, abgesehen, verwendet RHEL einen von den Red-Hat-Entwicklern stark modifizierten Kernel 2.6.32. Der integriert unter anderem die von Red Hat entwickelte Kernel-Erweiterung SE Linux.

Dass Red Hat seit der RHEL-Version 6 bestrebt ist, seine Kernel-Patches möglichst schwer nachvollziehbar zu machen, sorgt übrigens seit einiger Zeit für Unmut in der Community und hat Konkurrent Oracle veranlasst, die Kernel-Patches von RHEL 6 wieder aufzudröseln und in Form eines eigenen, öffentlich zugänglichen Repositories (-Projekt) der Gemeinschaft zugänglich zu machen (siehe Kasten "Redpatch und Ksplice").

Redpatch und Ksplice

Red Hat liefert seit der RHEL-Version 6 Anfang 2011 seine Änderungen am Linux-Kernel nur noch in Form eines einzigen großen kumulierten Pakets aus, in dem sämtliche von Red Hat vorgenommene Anpassungen vermischt sind. Die Strategieänderung soll vermutlich der Konkurrenz von Oracle und Novell/Suse die Arbeit erschweren. Die müssen seitdem sämtliche Änderungen selbst ausfindig machen, denn laut Red Hat bieten Unternehmen wie Oracle und Novell auch Support für RHEL-Kunden an. Suse offeriert etwa auf seinen SLES-Produktseiten einen Migrationspfad für RHEL beziehungsweise ein Support-Paket, das auch Unterstützung für Red-Hat-Produkte einschließt [13].

Laut Red-Hat-Chef Brian Stevens könne das Unternehmen mit der Änderung solchen Tendenzen entgegensteuern und für das Anbieten von Support-Leistungen essenzielle Informationen verbergen, ohne den Grundgedanken von freier Software zu verletzen. Offenbar betraf die Änderung aber nicht nur Unternehmen wie Novell, sondern auch Projekte wie das von Oracle übernommene Ksplice-Projekte. Da Ksplice auf das Vorhandensein der einzelnen Patches am RHEL-Kernel angewiesen ist, hatten die Ksplice-Entwickler laut Oracle schon kurz nach der Bekanntgabe von Red Hats Maßnahme ein eigenes Respository gestartet, das die Änderungen am RHEL-Kernel in Einzelteile zerlegt.

Seit Kurzem macht Oracle die einzelnen Änderungen im Rahmen seines Redpatch-Projekt auch allgemein verfügbar und pflegt im dazu im eigens aufgesetzten Redpatch-Repository [14] den Quellcode des RHEL-Kernel in Form eines öffentlich zugänglichen Git-Depots [15], das sämtliche von Red Hat vorgenommenen Änderungen wieder als einzelne Patches zur Verfügung stellt. Ksplice ist eine von Oracle erworbene Technologie, die das Anwenden von Patches auf den Linux-Kernel ohne Neustart ermöglicht. So kann Ksplice beispielsweise viele Fehler und Sicherheitslücken zur Laufzeit korrigieren. Oracle verkauft Ksplice übrigens auch als Service-Dienstleistung an RHEL-Anwender.

RHEL lässt sich ebenso wie Fedora mithilfe des grafischen Anaconda-Installers installieren, unterstützt via Kickstart aber auch ein automatisiertes Deployment. Zur Konfiguration stehen neben der Kommandozeile eine Auswahl von speziell von Red Hat entwickelten Werkzeugen zur Verfügung, die allesamt dem Bezeichnungsschema »system-config-name« folgen und nach den für Red Hat und Fedora gültigen Prinzipien entwickelt wurden. Das bedeutet, dass Management-Werkzeuge zur Systemverwaltung stets nur eine einzige Aufgabe erfüllen und zudem keine exklusive Kontrolle über Konfigurationsdateien benötigen. Trotzdem ist es unter RHEL unerlässlich, dass Administratoren in der Lage sind, das System manuell durch das Bearbeiten von Konfigurationsdateien zu verwalten.

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